Die Wohngebäudeversicherung steht unter Druck: steigende Baukosten, Inflation, Extremwetter und hohe Schadenquoten belasten viele Versicherer. Wie bewerten Sie die aktuelle Lage der Branche?

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Sigrid Reichardt: Die Schaden-Kosten-Quote (Combined Ratio) in der Wohngebäudeversicherung ist branchenweit leicht rückläufig, liegt 2024 aber weiterhin bei rund 102 Prozent und damit über der Rentabilitätsgrenze. Die Entwicklung der Schäden durch Naturgefahren sowie die inflationsbedingten Schadenbedarfe bleiben herausfordernd. Die schneller als erwartet verlaufende Erderwärmung wird die Auswirkungen des Klimawandels weiter verstärken. Eine Wohngebäudeversicherung ist und bleibt daher von unschätzbarem Wert. Ein Wohngebäude kann ein Zuhause sein und auch eine Altersvorsorge – eine der größten Investitionen im Leben. Wird es beschädigt oder gar zerstört, kann es zu existenziellen finanziellen Verlusten kommen. Davor schützt die Wohngebäudeversicherung mit ergänzender Absicherung gegen Elementargefahren.

Welche Faktoren werden die Schadenbilanz in den kommenden Jahren am stärksten beeinflussen? Und wie gut ist die Branche aus Ihrer Sicht darauf vorbereitet?

Die Branche rechnet damit, dass sich Schäden infolge des Klimawandel bis 2050 mindestens verdoppeln werden. So sehen es auch verschiedene aktuelle Studien – etwa des französischen Versicherungsverbandes, der SwissRe und der Londoner School of Economics. Ohne konsequente Klimafolgenanpassung und ohne Prävention in der Fläche wird Versicherungsschutz also teurer werden müssen – eventuell auch in Gebieten, die wir heute noch gar nicht auf dem Radar haben. Bleiben Prävention und Klimafolgenanpassung aus, wird jeder Versicherer prüfen müssen, ob er die steigenden Extremwetterschäden langfristig noch in Deckung nehmen kann – auch im Hinblick auf das Versicherungsaufsichtsrecht und die Anforderungen an die Finanzmarktstabilität.

Mit 483 Millionen Euro gebuchten Bruttoprämien und einem Marktanteil von 4,08 Prozent ist der Bayerische Versicherungsverband der sechstgrößte Wohngebäudeversicherer Deutschlands. Welche Herausforderungen bringt diese Marktstellung mit sich?

Der hohe Marktanteil ist ein Beleg für unseren Erfolg. Wir sehen das eher als Chance denn als Herausforderung: Unsere langjährige Erfahrung, unser guter Zugang zu den Kunden, unsere Präsenz vor Ort – von der Beratung bis zum Schadenfall – sowie die enge Zusammenarbeit mit Kommunen zur Aufklärung über die Folgen des Klimawandels und unser großes, stabiles Portfolio helfen uns, künftige Herausforderungen zu bewältigen. All das gibt unseren Kunden Sicherheit.

Während viele Versicherer im Markt mit Verlusten kämpfen, konnte der Bayerische Versicherungsverband 2022 eine herausragende Schaden-Kosten-Quote von 81,53 Prozent erreichen. 2023 lag die Quote allerdings wieder bei 110,82 Prozent – deutlich über der Rentabilitätsgrenze. Was waren die Hauptgründe für diesen starken Anstieg?

Das Jahr 2023 war für den Bayerischen Versicherungsverband vor allem durch eine außerordentliche Belastung mit Schäden aus Naturkatastrophen geprägt. Der Hagelsturm „Denis“ verursachte im August 2023 massive Schäden in Südbayern. Darüber hinaus spürten wir die inflationsbedingt steigenden Schadenaufwendungen.

Spätestens seit der Ahrtal-Katastrophe 2021 ist klar, dass Extremwetter immer häufiger zu schweren Schäden führt – viele Versicherer leiden unter den hohen Schadenaufwendungen. Ihr Geschäftsgebiet war 2023 erneut stark von Unwetterschäden betroffen, darunter die Hochwasserereignisse im Juni. Welche steuerbaren Maßnahmen haben Versicherer überhaupt, um auf solche Entwicklungen zu reagieren? Und haben diese Ereignisse zu Anpassungen in der Produktgestaltung oder Schadenkalkulation geführt?

Bayern war im Jahr 2023 von allen Bundesländern am stärksten von Naturkatastrophen betroffen. Der Hagelsturm „Denis", der im August 2023 massive Schäden in Südbayern verursachte, sowie das Junihochwasser 2024 waren nach dem Münchner Hagel 1984 die beiden größten Kumulereignisse in der Unternehmensgeschichte des Konzerns Versicherungskammer.

Die Folgen des Klimawandels sind bereits ersichtlich. Solche großen Unwetterereignisse und die Inflation bedeuten für uns stetig höhere Belastungen. Über unsere Rückversicherung können wir diese hohen Belastungen für unser Unternehmen entsprechend abfedern. Die Kosten für den Rückversicherungs-Schutz im NatCat-Bereich haben sich jedoch in den vergangenen drei Jahren nahezu verdoppelt.

Was bedeutet diese Kostensteigerung für Ihre Fähigkeit, weiterhin umfassenden Versicherungsschutz anzubieten?

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Aufgrund unserer langjährigen Erfahrungen können wir weiterhin Elementarschadenversicherungen anbieten: 99,4 Prozent aller Wohngebäude in Bayern sind ohne weitere Risikoprüfung nach Tarif versicherbar. Selbst in der höchsten Gefährdungsklasse 4 versichern wir noch. Dort wird aber das Risiko individuell geprüft. In der Landwirtschaft haben wir frühzeitig reagiert: wir sind einer der wenigen Versicherer, die eine Mehrgefahrenversicherung für landwirtschaftliche Kulturen anbietet. Diese umfasst neben der Hagelversicherung auch die Gefahren Dürre, Starkregen und Frost.

„Prävention ist der einzige Weg, um die Prämien stabil zu halten“

Welche Präventionsmaßnahmen können die Schaden-Kosten-Bilanz nachhaltig verbessern? Gibt es bereits konkrete Projekte des Bayerischen Versicherungsverbands, um durch Prävention langfristig Kosten zu senken?

Im Bereich der Naturgefahren brauchen wir einen ganzheitlichen Ansatz, um mit den Folgen des Klimawandels umzugehen. Das Gesamtsystem muss in der Lage sein, klimawandelbedingte Schäden zu verhindern bzw. zu senken. Die deutschen Versicherer haben sich seit 2021 wiederholt öffentlich für die systematische Entwicklung eines Gesamtkonzepts ausgesprochen – und auch einen Vorschlag vorgelegt, der auf drei Kernelementen basiert: verbindliche Schritte zur Klimafolgenanpassung, privater Versicherungsschutz für Hauseigentümer und Risikoteilung zwischen privaten Versicherern und dem Staat für den Fall extremer Naturkatastrophen.

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Viele Gebäudeeigentümer glauben immer noch, sie seien vom Überschwemmungsrisiko nicht betroffen – obwohl das heute nahezu überall passieren kann. Deshalb müssen wir gemeinsam weiter aufklären. Genau hier setzen wir an: Wir beraten und unterstützen Gebäudeeigentümer, indem wir ihnen erklären, wie sie sich vor Feuer, Überschwemmung und anderen Gefahren schützen können. Unsere Vertriebe und Risk Manager leisten hierbei wichtige Aufklärungsarbeit – zusätzlich setzen wir auf Informationsangebote über Social Media und unsere Websites. Seit fast zwanzig Jahren organisiert die Versicherungskammer zudem Klima-Symposien für Fach-Experten, Politiker, Wissenschaftler, Kunden und Journalisten, um das Thema in all seinen Facetten zu diskutieren.

Auch die hohen Leitungswasserschäden werden in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Leitungswasser verursacht branchenweit rund die Hälfte des Schadenaufwandes in der Wohngebäudeversicherung. Allein im Jahr 2023 bundesweit rund 4,5 Milliarden Euro – mehr als für Naturgefahren. Gebäudealter, Gebäudeausstattung und Inflation sind dabei wesentliche Kostentreiber. In Kooperation mit der Senseguard GmbH bieten wir daher unseren besonders betroffenen Kunden an, einen Sensor einbauen zu lassen, der mögliche Leckagen erkennt und im Falle eines Rohrbruchs sogar das Wasser absperren kann. Damit können Schäden deutlich vermindert werden. Das mindert auch die belastenden Nachfolgewirkungen für den Kunden: Handwerker-Termine, Trocknungszeiten, Verlust persönlicher Dinge etc.

Die Forderung nach einer Pflichtversicherung für Elementarschäden wird immer wieder diskutiert. Wie stehen Sie dazu? Würde eine solche Lösung die Risiken gerechter verteilen, insbesondere für Versicherer wie Sie, die sich stark in betroffenen Gebieten engagieren?

Die Versicherungsbranche ist sich einig: Eine Pflichtversicherung als singuläre Lösung löst das Problem nicht nachhaltig. Sie verhindert keinen einzigen Schaden. Außerdem nimmt sie per se jeden Anreiz, selbst etwas zu tun.

Man darf keine falsche Rechnung aufmachen: Schäden reduzieren sich nicht, indem der Gesetzgeber eine Pflichtversicherung oder staatliche Eingriffe in die risikogerechte Prämienkalkulation vornimmt. Nur Schäden, die infolge Prävention nicht entstehen, halten die Prämien stabil.

Welche Forderungen an die Politik ergeben sich aus Sicht des Bayerischen Versicherungsverbands, um die Stabilität der Wohngebäudeversicherung langfristig zu gewährleisten?

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Es bedarf eines Gesamtkonzepts, das neben der unabdingbaren Versicherung auch Prävention und Klimafolgenanpassung vorsieht. Entscheidend ist, dass in Überschwemmungsgebieten nicht mehr gebaut wird und dass eine Klimagefährdungsbeurteilung fester Bestandteil jeder Baugenehmigung wird. Zudem braucht es eine Pflicht zum individuellen Hochwasserschutz sowie Baumaterialien, die bei Neubauten und Sanierungen an die jeweilige Gefährdungslage angepasst sind. Geplant, gebaut und saniert werden muss so, wie es die Anpassung an den Klimawandel erfordert.

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