Irgendeine Aktie ist immer besser

Stellen Sie sich vor, Sie hätten über mehrere Jahre in Aktien investiert und dabei immer darauf geachtet, dass Ihr Portfolio global diversifiziert ist. Vielleicht würde Ihnen das heute leidtun, denn mit einem global diversifizierten Portfolio hätten Sie in den zehn Jahren bis Ende 2024 „nur“ eine Rendite von 6 Prozent pro Jahr erzielt. Aus 100 Euro wären so etwa 180 Euro geworden. Hätten Sie denselben Betrag dagegen in US-Aktien investiert, wäre Ihr Portfolio am Ende mehr als das Doppelte wert gewesen: 370 Euro, was einer jährlichen Rendite von 14 Prozent pro Jahr entspricht. Mit einem Blick auf diese Differenz können schnell Zweifel an den Vorteilen globaler Diversifizierung entstehen.

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Wer dieser Logik folgt, stellt sich bald die Frage, warum nur globale Diversifizierung falsch sein sollte – schließlich kann eine ähnliche Rechnung für jeden Grad der Portfoliodiversifizierung aufgemacht werden. Warum in den gesamten US-Aktienmarkt investieren, wenn doch mit Growth-Aktien aus den ursprünglich investierten 100 Euro nicht 370 Euro, sondern sogar 513 Euro geworden wären? Warum also überhaupt in Value-Aktien investieren?

Gehen wir noch einen Schritt weiter, stellen wir fest, dass IT-Aktien 1,4-mal höhere Renditen abgeworfen haben als Growth-Aktien. Warum nicht einfach die schwächeren Growth-Segmente aussortieren? Die Glorreichen Sieben wiederum haben den IT-Sektor um das 6,8-fache übertroffen. Also landen wir am Ende bei einer einzigen Aktie, Nvidia, die eine 6,3-mal höhere Rendite abgeworfen hat als die Glorreichen Sieben zusammen. Aber: Was wäre, wenn Sie nicht in Nvidia investiert hätten, sondern in eine andere ehemals „heiße“ Aktie, die danach in der Bedeutungslosigkeit versunken wäre?

Ich glaube, wir kennen alle das Gefühl, unbedingt die „perfekte“ Investment-Entscheidung treffen zu wollen – aber Hand aufs Herz: Wer weiß das schon im Voraus?

Diversifizierung als Absicherung gegen das Unwägbare

Die Idee, dass ein Land oder eine Region höhere Renditen abwirft als andere, spricht nicht gegen Diversifizierung, sondern dafür. Im Jahr 2015 wusste niemand mit Sicherheit, welcher Aktienmarkt in den kommenden zehn Jahren die Nase vorn haben würde. Die einzige Gewissheit war, dass Gewinne in einem Marktsegment Verluste in anderen Marktsegmenten ausgleichen können – und genau das ist in den letzten zehn Jahren geschehen.

Mit einem Aktienportfolio, das zu 60 Prozent aus US-Aktien und zu 40 Prozent aus den Aktien aller anderen globalen Märkte bestand, hätten Anlegerinnen und Anleger in letzten zehn Jahren eine Rendite von fast 11 Prozent pro Jahr erzielt – ein respektables Ergebnis, für das sie im Vergleich zu der Unsicherheit, die mit der Wahl zwischen einem reinen US-Portfolio und einem Nicht-US-Portfolio einhergeht, deutlich weniger Risiko eingehen mussten.

Ein einfaches Beispiel hilft zu verstehen, wie Diversifizierung funktioniert: Stellen Sie sich ein Investment vor, das entweder eine hohe Rendite (zum Beispiel 14 Prozent pro Jahr, ähnlich der Rendite von US-Aktien in den vergangenen zehn Jahren) oder eine niedrigere Rendite (zum Beispiel 6 Prozent pro Jahr, ähnlich der Rendite von Aktien anderer Märkte) abwirft, jeweils mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent. Eine falsche Entscheidung wäre dieses Investment in keinem Fall, denn selbst im ungünstigsten Szenario betrüge die Rendite mindestens 6 Prozent, und mit einer 50%-igen Wahrscheinlichkeit liegt die erwartete Rendite sogar bei 10 Prozent.

Diversifizierung wirkt vor allem langfristig

Doch auch zu diesem Beispiel muss dazu gesagt werden: Diversifizierung ist keine Versicherung. Sie garantiert weder Gewinne noch schützt sie sicher vor Verlusten. Auch in einem global diversifizierten Portfolio wird es Monate oder gar Jahre geben, in denen ein Anleger keine Rendite macht. Aber Diversifizierung kann Risiken mindern und Extreme vermeiden. Insbesondere langfristig sind Anlegerinnen und Anleger gut aufgestellt, wenn sie an einem diversifizierten Portfolio festhalten und diszipliniert entsprechend ihrem persönlichen Risiko-Profil investieren und an ihren Anlagezielen festhalten.

Auch für mich fühlt sich Diversifizierung wie ein Sicherheitsnetz an. Man geht einfach entspannter los, weil man weiß, dass nicht jeder Schritt ein Volltreffer sein muss – denn wir wissen mittlerweile, wie gering oftmals die Wahrscheinlichkeit für einen „Volltreffer“ ist.

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