Wie stark die Leben-Branche inzwischen von einzelnen Akteuren abhängig ist, zeigt die aktuelle Auswertung von Marc Surminski in der Zeitschrift für Versicherungswesen (ZfV 04/2025). Sie basiert auf einer kombinierten Datenbasis aus GDV-Statistik, Geschäftsberichten und Einzelrecherchen – und macht sichtbar: Hinter dem vom GDV gemeldeten Neugeschäftsplus von 2,6 Prozent verbirgt sich keine breite Aufwärtsbewegung, sondern ein Impuls, der fast vollständig von der Allianz und wenigen Sonderverträgen getragen wurde. Die Allianz Leben allein verzeichnete bei den Einmalbeiträgen im Neugeschäft einen Zuwachs um 22,7 Prozent auf 13,25 Milliarden Euro – und vereint damit fast die Hälfte des gesamten Markts in diesem Segment auf sich. Laut Surminski wäre das Einmalbeitragsgeschäft der Branche ohne ihren Beitrag lediglich um 1,3 Prozent gewachsen. Noch deutlicher zeigt sich die Abhängigkeit im Bestandsgeschäft: Ohne die Allianz hätte es 2024 bei den gesamten Beitragseinnahmen der Lebensversicherer kein Wachstum gegeben – der Markt wäre auf Vorjahresniveau verharrt.

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Laut Surminski belief sich das eingelöste Neugeschäft der Lebensversicherer branchenweit im Jahr 2024 auf insgesamt 38,9 Milliarden Euro – zusammengesetzt aus 28,3 Milliarden Euro Einmalbeiträgen und 10,6 Milliarden Euro laufenden Beiträgen. Damit stieg das Einmalgeschäft gegenüber dem Vorjahr um 9,9 Prozent, während die laufenden Beiträge lediglich ein Wachstum von 2,5 Prozent verzeichneten. Der Markttrend zeigt sich hier deutlich: Knapp drei Viertel des Neugeschäftsvolumens entfielen auf Einmalbeiträge. Allerdings bleibt das Niveau weiterhin deutlich unter dem Rekordjahr 2021, als allein die Einmalbeiträge bei 37,2 Milliarden Euro lagen. Die Zahlen belegen: Das Einmalbeitragsgeschäft gewinnt 2024 zwar wieder an Bedeutung – es handelt sich aber um eine selektive Erholung, nicht um eine Rückkehr zur früheren Marktdominanz.

Einmalbeiträge als Einfallstor für punktuelle Gewinner

Neben der Allianz sorgte vor allem ein Sonderfall für Bewegung im Neugeschäft: Die BY Bayerische Vorsorge Leben. Die Gesellschaft – ehemals Bayerische Beamten – befand sich über Jahre im internen Run-off und hat erst 2024 wieder mit dem Neugeschäft begonnen, konkret zur Jahresmitte. Der Wiedereinstieg fällt spektakulär aus: Das eingelöste Neugeschäft steigt von 13,30 auf 292,80 Millionen Euro – ein Plus von 2.101,5 Prozent.

Der Zuwachs speist sich dabei fast vollständig aus Einmalbeiträgen. 282,90 Millionen Euro – also 96,6 Prozent des Gesamtvolumens – stammen aus diesem Segment. Surminski spricht daher von einem klaren Sondereffekt, der weniger für eine strukturelle Marktrückkehr als für eine gezielte Einzelplatzierung im Kapitalisierungsgeschäft steht. Wie nachhaltig sich die BY im Wettbewerb etablieren kann, bleibt offen. Klar ist jedoch: In der Marktstatistik wirkt der Neuantritt als starker Verstärker – ohne dass dadurch eine breitere Dynamik im Neugeschäft erkennbar wäre.

Zuwächse mit Einschränkungen: Wer sonst noch profitiert

Neben der BY Bayerische Vorsorge und der Allianz gibt es 2024 nur eine überschaubare Zahl weiterer Gesellschaften, die ihr Neugeschäft nennenswert steigern konnten. Doch auch hier zeigt sich: Die Wachstumsgründe sind selten strukturell, oft punktuell – und meist vom Einmalbeitragsgeschäft getrieben:

  • Die VPV Leben etwa steigert ihr eingelöstes Neugeschäft um 137,9 Prozent auf knapp 275 Millionen Euro. Der Anstieg ist fast vollständig auf die Einmalbeiträge zurückzuführen, die sich im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdreifachen. Eine klassische Verschiebung im Neugeschäftsmix – aber keine nachhaltige Stärkung im laufenden Geschäft.
  • Auch bei der HanseMerkur Leben (+49,6 %) und der myLife Leben (+44,1 %) zeigt sich ein ähnliches Muster: Das Neugeschäft wächst stark – getragen vor allem durch gestiegene Einmalbeiträge. Die HanseMerkur profitiert dabei vom Bankvertrieb und Produkten für vermögende Privatkunden. myLife setzt auf den Vertrieb von Nettopolicen ohne Abschlusskosten, ein Modell, das insbesondere im Einmalbeitragsbereich an Attraktivität gewonnen hat – etwa für Kunden, die gezielt Kapital platzieren wollen, ohne laufende Beiträge zu binden.
  • Bei der Gothaer Leben (+39,9 %) fällt der Zuwachs ebenfalls deutlich aus – doch die Ursache liegt nicht in neuer Vertriebskraft, sondern in der Fusion mit der Barmenia Leben, wie Surminski betont. Das Neugeschäft der Gothaer hatte zuvor stagniert. Der starke Zuwachs in der Statistik resultiert daher aus der Zusammenführung beider Häuser. Auch hier dominiert das Einmalgeschäft mit 375,90 Millionen Euro, was über 75 Prozent des Neugeschäftsvolumens entspricht – doch die zugrunde liegende Dynamik ist bilanziell, nicht marktbasiert.
  • In dieselbe Kategorie punktueller Gewinner fallen auch die SV Sachsen Leben (+30,3 %), die Helvetia Schweizerische Leben (+29,8 %) und die VGH Provinzial Leben Hannover (+29,6 %). Die SV Sachsen steigert ihr Neugeschäft auf 173,10 Millionen Euro, wobei die Einmalbeiträge um rund 36 Prozent auf 149,70 Millionen Euro zulegen. Die Helvetia erreicht ein Gesamtvolumen von 128,60 Millionen Euro, gestützt durch Einmalbeiträge in Höhe von 107,70 Millionen Euro. Auch die VGH Provinzial verzeichnet ein Neugeschäft von 95,70 Millionen Euro, bei einem Einmalzuwachs von 48,80 auf 63,20 Millionen Euro. In allen drei Fällen gilt: Die Zuwächse basieren primär auf kapitalstarkem Einmalgeschäft – nicht auf einer breit getragenen Entwicklung im laufenden Geschäft.
  • Auffällig ist zudem ein Muster im Vertriebsweg: Wie Surminski hervorhebt, konnten mit der VGH Provinzial Leben, der neue leben (+28,3 %) und der SV Sparkassenversicherung (+24,4 %) gleich drei Anbieter mit starkem Bankvertrieb überdurchschnittliche Neugeschäftszuwächse erzielen. Auch wenn die Wachstumsimpulse hier ebenfalls stark über Einmalbeiträge erfolgen, deutet der Erfolg der Bankenkooperationen auf eine gewisse Strukturstabilität im Vertrieb hin – anders als bei rein punktuell generierten Zuflüssen.

Was die Dominanz des Einmalbeitragsgeschäfts für die Nachhaltigkeit des Lebensversicherungsmarktes bedeutet, lässt sich nicht pauschal bewerten. Denn dass die Beitragssumme der Einmalverträge jene des laufenden Geschäfts deutlich übersteigt, ist kein neues Phänomen, sondern ein strukturelles Merkmal der Statistik: Einmalbeiträge werden in voller Höhe erfasst, laufende Beiträge nur mit ihrer Jahressumme.

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Auffällig ist 2024 jedoch die gewachsene Bedeutung dieses Geschäfts: Nach Jahren mit teils rückläufigen Zahlen haben die Einmalbeiträge ihre Rolle als tragende Säule des Neugeschäfts wieder zurückerobert – vor allem bei einzelnen Gesellschaften mit spezifischem Vertriebsfokus auf Banken und Sparkassen. Das macht deutlich: Während der Markt auf der einen Seite von wenigen Kapitalzuflüssen profitiert, bleibt auf der anderen Seite das laufende Vorsorgegeschäft unter Druck. Die Zahlen legen nahe, dass die Lebensversicherung derzeit nicht flächendeckend als regelmäßiges Vorsorgeprodukt wächst – sondern vor allem als Instrument zur einmaligen Kapitalplatzierung.

Rückgänge trotz Markterholung: Wer beim Neugeschäft verliert

Während einige Gesellschaften 2024 vom wiedererstarkten Einmalbeitragsgeschäft profitieren konnten, zeigt sich auf der anderen Seite des Marktes ein gegensätzliches Bild: Zahlreiche Anbieter mussten deutliche Rückgänge im Neugeschäft hinnehmen – teils durch strategische Kurskorrekturen, teils infolge von Sondereffekten oder internen Umstrukturierungen. Der Aufschwung im Einmalgeschäft reichte nicht aus, um die Negativentwicklungen flächendeckend zu kompensieren.

Den stärksten prozentualen Rückgang verzeichnete die BL Bayerische Leben mit minus 55,5 Prozent. Hier dürfte es sich um eine konzerninterne Verlagerung handeln, vermutet Surminski: Das Einmalgeschäft floss offenbar verstärkt zur Muttergesellschaft BY Bayerische Vorsorge, die nach ihrem Wiedereinstieg stark zulegte. Auch bei der Zurich Deutscher Herold Leben sank das Neugeschäft deutlich – minus 36,6 Prozent, was laut Surminski vor allem auf mehr als halbierte Einmalbeiträge zurückzuführen ist. Ein zusätzlicher Faktor: 2023 wurde ein Teil des Bestands an die neu gegründete Zurich Life Legacy übertragen, was die Vergleichsbasis verändert.

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Die Ideal Leben, lange Zeit ein wachstumsstarker Anbieter, setzte ihren bereits 2023 begonnenen Rückgang fort. Nach einem Minus von 50,6 Prozent im Vorjahr reduzierte sich das eingelöste Neugeschäft 2024 nochmals um 34,7 Prozent. In drei Jahren sank das Neugeschäft damit von 161,7 Millionen auf 63,3 Millionen Euro – ein Rückgang, der im Wesentlichen aus dem strategischen Rückzug aus dem Einmalbeitragsgeschäft resultiert. Auch die Prämieneinnahmen sind seit 2022 rückläufig – von 387,0 Millionen auf 254,7 Millionen Euro.

Ähnlich gelagert ist die Entwicklung bei der Cosmos Leben, die ein Minus von 30,9 Prozent beim Neugeschäft ausweist – auch hier schrumpften die Einmalbeiträge gegen den Branchentrend erheblich. Und bei der Alte Leipziger Leben ging das Neugeschäft um 22,6 Prozent zurück. Zwar konnten die laufenden Beiträge zulegen, doch die Einmalbeiträge fielen um 30,6 Prozent, was das Gesamtergebnis drückte.

Die Beitragsentwicklung der Marktführer

Die Allianz bleibt 2024 unangefochtener Spitzenreiter – doch auch bei den übrigen Top Ten zeigt sich ein differenziertes Bild. Während einige Gesellschaften leicht zulegen konnten, kämpfen andere weiter mit Rückgängen im Bestand. Besonders auffällig: Nur wenige Versicherer zeigen kontinuierliches Wachstum über mehrere Jahre hinweg.

Die folgenden Angaben beziehen sich auf die gebuchten Bruttobeiträge ohne Zuführung zur Rückstellung für Beitragsrückerstattung (RfB) – also auf jenes Beitragsvolumen, das den Versicherern unmittelbar zur Verfügung steht und ihre laufende Geschäftstätigkeit prägt. Ein Überblick über die zehn größten Lebensversicherer nach Beitragseinnahmen:

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  1. Die Allianz Leben bleibt unangefochtener Marktführer und steigert ihre gebuchten Bruttobeiträge 2024 deutlich um 11,5 Prozent auf 24,18 Milliarden Euro, nachdem sie 2023 noch einen leichten Rückgang von 0,7 Prozent verzeichnet hatte.
  2. R+V Leben folgt auf Rang zwei, verliert jedoch 5,2 Prozent an Beitragseinnahmen und sinkt damit auf 7,24 Milliarden Euro – nach einem Minus von 10,2 Prozent im Vorjahr.
  3. Generali Deutschland Leben verbessert sich moderat um 2,2 Prozent auf 6,39 Milliarden Euro. Bereits 2023 war ein leichtes Plus von 2,3 Prozent erzielt worden.
  4. Die Debeka kommt mit einem minimalen Zuwachs von 0,7 Prozent auf 3,72 Milliarden Euro, nachdem sie im Vorjahr noch ein Minus von 5,3 Prozent hinnehmen musste.
  5. Die Bayern Versicherung büßt 3,4 Prozent ein und fällt auf 2,28 Milliarden Euro zurück – ein leichter Rückgang nach einem deutlich stärkeren Minus von 19,6 Prozent im Jahr zuvor.
  6. Die Alte Leipziger Leben reduziert ihr Beitragsvolumen um 5,9 Prozent auf 2,76 Milliarden Euro, nachdem 2023 bereits ein Rückgang von 2,8 Prozent zu verzeichnen war.
  7. Die Nürnberger Leben steigert sich leicht um 0,7 Prozent auf 2,26 Milliarden Euro, nachdem es 2023 noch ein Minus von 4,9 Prozent gegeben hatte.
  8. Bei der Zurich Deutscher Herold Leben gehen die Beiträge nach der 2023 erfolgten Abspaltung eines Teils des Geschäfts in die Zurich Life Legacy erneut zurück – um 6,7 Prozent auf 2,16 Milliarden Euro. 2023 lag das Minus noch bei 23,2 Prozent.
  9. Die neue Provinzial Leben, entstanden aus der Fusion von Provinzial NordWest und Provinzial Rheinland Leben, kommt 2024 auf 2,13 Milliarden Euro – ein Zuwachs von 3,9 Prozent gegenüber den angepassten Vorjahreswerten. Im Vorjahr hatte es noch ein Minus von 9 Prozent gegeben.
  10. Die Axa Leben legt leicht um 1,4 Prozent auf 1,80 Milliarden Euro zu – ein positiver Umschwung nach einem kräftigen Rückgang von 28,7 Prozent im Vorjahr.

Hintergrund: Alle genannten Zahlen stammen aus der aktuellen Marktanalyse von Marc Surminski in der Zeitschrift für Versicherungswesen (Ausgabe 04/2025). Die Auswertung beruht auf einer kombinierten Datenbasis aus GDV-Statistik, Geschäftsberichten und Einzelrecherchen. Ergänzend enthält der Beitrag Tabellen mit weiteren Kennzahlen zur Beitrags- und Neugeschäftsentwicklung der Lebensversicherer. Die vollständige Analyse ist auf der Website der ZfV abrufbar (zugangspflichtig).

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